Bordmeldungen 


Die Slöpendriewer lebt von Wind, Geschichten und kleinen Abenteuern. Als Langkieler ist sie aktuell noch auf der Ostsee unterwegs,  bevorzugt langsam, gerne gegen den Strom und am liebsten mit Blick auf Naturhäfen, skandinavische Inseln und historische Seemannsgeschichten. Flüche und Seemannsgarn sind bei den Bordmeldungen ebenso möglich wie die eine oder andere Geschichte aus der Werkzeugkiste. 


„Ein Boot ist nie fertig. Und das ist gut so.“


Logbuch


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02.09.2026

⚓︎ 14 Tage Dänische Südsee - das war der Plan

Nochmal im sich verabschiedenden Sommer rüber in die Dänische Südsee. Das war der Plan der Crew der Slöpendriewer. Eigentlich wollten wir bis zum 6. September unterwegs sein. Eigentlich. Aber wer zur See fährt, weiß: Pläne sind etwas für Menschen an Land. Auf See entscheiden Wind, Wetter, Barometer, Gesundheit und gelegentlich auch das Leben selbst. Und so war die Slöpendriewer bereits einige Tage früher wieder in ihrer Box in Grömitz. Aber von vorn. Am Montagvormittag, schon mit zwei Tagen Verzögerung, hieß es wieder: Leinen los! Die Seefrau, der Smutje und natürlich unsere beiden seniorigen Fellnasen machten sich auf den Weg nach Orth. Letztere hatten sich diesmal erstaunlich schnell mit ihrem Schicksal abgefunden. Offenbar hatten sie inzwischen verstanden, dass Protest zwecklos ist. Wenn es nicht allzu sehr schaukelte, wurden neue Lieblingsplätze im Cockpit bezogen. Wurde es ungemütlicher, zog man sich würdevoll in den Salon zurück. Man ist schließlich Senior. Mit gutem Wind rauschten wir nach Orth und bekamen dort am Abend zur Belohnung einen dieser Sonnenuntergänge serviert, für die man überhaupt erst mit einem Segelboot losfährt: Leuchtturm Flügge am Horizont, Cocktails auf dem Vorschiff und zwei Menschen, die ernsthaft versuchten, einfach mal zu entspannen. Es gelang zumindest zeitweise. Am Dienstag ging es weiter nach Marstal. Diesmal unfallfrei.
Das ist erwähnenswert, denn ziemlich genau zwei Jahre zuvor hatte der Smutje auf dieser Strecke beschlossen, dass seekrankfernes Segeln möglicherweise doch noch keine seiner Kernkompetenzen sei. Diesmal hielt er tapfer durch. Dann ließ der Wind nach. Also wurde der Gennaker aus der Backskiste gekramt. Das bunte Tuch stand wie eine Eins, die Slöpendriewer lief und die Welt war schön. Bis von achtern eine alte Bekannte auftauchte: diese eine große Charter-Bavaria aus Burgstaaken. Sie wollte vorbei. Natürlich luvseitig. Natürlich dicht. Gefühlt eine Schiffslänge Abstand. Unsere schöne Blase fiel augenblicklich in sich zusammen. Die Seefrau ebenfalls fast. Die Bavaria rauschte davon, der Gennaker war beleidigt und wollte sich von diesem Affront nicht mehr erholen. Immerhin rief ein Crewmitglied von der Bavaria noch ein leises Entschuldigung rüber. Also machten wir es irgendwann wie die anderen Segler auch: Motor an. Der neue Nanni ist ja inzwischen gut eingefahren, Etwa auf Höhe der Ansteuerung zum Großen Belt kam der Wind zurück, die Segel gingen wieder hoch und wir rauschten weiter Richtung Marstal. Nach 28 Jahren erkannte die Seefrau tatsächlich noch einiges wieder. Das letzte Mal besuchte sie hier den alten Seebären und seine Frau zusammen mit ihrem erstgeborenen Matrosen, damals kaum zwei Jahre alt und schon längst segelerfahren unterwegs bis Anholt und zurück. Und der Smutje erhielt für sein tapferes Durchhalten die ersten dänischen Pølser der Segelsaison. Belohnung muss sein. Am nächsten Tag ging es vorbei an Birkholm nach Ærøskøbing. Birkholm war schon belegt und so rauschten wir weiter. In Ærøskøbing gelang der Seefrau ein Anlegemanöver, das zweifellos in die Geschichte eingehen wird. Als abschreckendes Beispiel. Wir halten für die Nachwelt fest: Achterleinen kurz halten. Vorwärtsgang einlegen. Pinne in die richtige Richtung. Vordere LUV-Leine für die Landpoller bereithalten. Eigentlich ganz einfach. Eigentlich. Die Nachbarn links und rechts waren anschließend jedenfalls wach. Niemand kam zu Schaden, nichts ging kaputt und die Slöpendriewer lag am Ende tatsächlich dort, wo sie hin sollte. Mehr soll man ja auch von einem gelungenen Hafenmanöver inzwischen nicht verlangen müssen. Drei Tage blieben wir in Ærøskøbing. Schauer. Wind. Schauer. Noch mehr Wind. Während die Chartercrews tapfer weiterzogen, machten wir die Luke dicht. Wir schliefen. Wir kochten. Wir spielten mit den Fellnasen. Und gelegentlich gingen wir nach draußen, um noch eine Leine oder Spring auszubringen. Die Crews neben uns beobachteten das und legten kurz darauf ebenfalls zusätzliche Leinen aus. Man lernt voneinander. Irgendwann kamen wir dann doch wieder aus dem Hafen. Mit sechs Windstärken, Fock und ungerefftem Groß blies es uns Richtung Svendborg. Die Slöpendriewer zeigte, was sie kann, und zum ersten Mal auf diesem Törn stand eine 8 vor dem Komma. Hinter der Brücke fiel das Segel. Und meine Lieblingskappe gleich mit. Kappe über Bord! Kescher raus. Anfahrt. Erster Versuch: Treffer! Die Kappe lag im Netz. Kurz. Dann verabschiedete sie sich erneut. Wir setzten zum zweiten Versuch an, stellten allerdings fest, dass wir dabei ziemlich entschlossen auf das Feld mit den gelben Tonnen vor dem Brückenpfeiler zutriebten. Prioritäten waren erforderlich. Die Kappe durfte gehen. Möge sie ein schönes Leben haben. In Svendborg machten wir ganz unkompliziert an der Kaimauer fest. Warum sich beim Anlegen einen abbrechen, wenn es auch einfach geht? Wir erkundeten die Stadt und füllten die Vorräte nur geringfügig auf. Von der gefühlten Tonne Lebensmittel, die im April an Bord gebunkert wurden, war nämlich immer noch erstaunlich viel vorhanden. Der Regen blieb ebenfalls vorhanden. Und das Barometer fiel. Und fiel. Also weiter nach Rudkøbing. Auch dort ließ es sich ausgesprochen gut aushalten. Unser dänischer Stegnachbar freute sich über ein Kölsch vom Smutje, legte angesichts des zunehmenden Windes irgendwann doch noch ab und ward fortan nicht mehr gesehen. Zwei Tage später nahmen auch wir Kurs Heimat. Noch im Hafen kam das erste Reff ins Groß, vorne nur die Arbeitsfock. Dem verkorksten Anlegemanöver in Ærøskøbing folgte ein Ablegen wie im Bilderbuch bei ordentlichen Böen. Kaum hatten wir den Windschatten auf der Ostseite von Ærø verlassen, ging der Spaß los. Jedenfalls für die Seefrau. Mit Schauerböen und ordentlich Wasser von oben und von der Seite bretterten wir mit 8,5 Knoten Richtung Bagenkop. Die Slöpendriewer hatte offensichtlich Spaß. Vor der Südspitze Langelands zeigte sich schließlich sogar wieder die Sonne. Und der Smutje beschloss, mal kurz den neuen Thron aus Nynäshamn unter Deck aufzusuchen. Danach entwickelte sich die Geschichte ungefähr so wie schon zwei Jahre zuvor. Nur diesmal glücklicherweise ohne Nahtoderfahrung. Zum Einlaufen in Burgtiefe war der Smutje jedenfalls wieder vollständig hergestellt und stand an Deck. Und dort wartete die nächsteÜberraschung: Ein alter Jugendfreund der Seefrau stand bereits am Steg und dirigierte uns kurzerhand in eine freie Box. Manchmal läuft es eben doch. Lange blieben wir aber nicht nicht. Das Barometer fiel weiter und für das Wochenende sah die Wettervorhersage zunehmend ungemütlich aus. Also hieß es am nächsten Morgen schon wieder: Leinen los. Der Fehmarn–Grömitz-Express, ehemals Slöpendriewer, nahm wieder seinen Dienst auf. Nach dem Frühstück raus aus Burgtiefe, noch im Hafen die Segel gesetzt und dann bei Südwest hoch am Wind Richtung Lübecker Bucht. Außerhalb der Landabdeckung bauten sich ordentliche Wellen auf. Der Smutje schlummerte. Die Fellnasen hatten sich längst in ihre Gemächer zurückgezogen. Und die Seefrau schnaufte. Der Husten, der sie schon seit Wochen begleitete, fand Segeln offenbar mindestens genauso schön wie sie selbst und dachte überhaupt nicht daran, sich zu verabschieden. Mit den letzten Schauerböen des Tages erreichten wir schließlich Grömitz. Rein in den Hafen. Rein in unsere freie Box. Leinen fest. Motor aus. Ruhe. Aus den geplanten knapp zwei Wochen waren zehn Tage geworden. Wir hatten Sonne, Regen, sieben Windstärken, Flaute, Schauerböen, Gennakerfrust, Pølser, Kölsch, eine verlorene Kappe, ein denkwürdiges Hafenmanöver, 8,5 Knoten Fahrt und einen Smutje erlebt, der auch diesen Törn überstanden hat. Die seniorigen Fellnasen übrigens ebenfalls. Und irgendwann muss man eben akzeptieren, dass nicht der Kalender entscheidet, wann ein Törn zu Ende ist. Sondern Wind, Wetter, Gesundheit und das Leben. Die Slöpendriewer liegt wieder in Grömitz. Die Fellnasen schlafen. Der Smutje vermutlich auch. Und die Seefrau? Die ruht sich aus. Die Ruhe dauert immer noch an.



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Seefrauengeschichten